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BIRDWATCHERS Das Land der roten Menschen Ein Film von Marco Bechis |
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KURZ + BÜNDIG
Mitwirkende Regie: Marco Bechis Darstellende Abrísio da Silva Pedro - Osvaldo Synchronstab Mina Kindl Synchron KOMMENTAR DES REGISSEURS ZUM FILMPROJEKT Die Guarani-Kaiowá auf die Leinwand zu bringen, war eine große Herausforderung. Dieser Film ist dem Andenken meines Freundes und Mentors Enrique Ahriman gewidmet, der im Jahr 2002 in Buenos Aires verstarb.
Jahrelang hatte ich die Survival- Kampagnen zur Unterstützung indigener Völker mitverfolgt und Informationen zu den bis heute in Lateinamerika überlebenden Stämmen gesammelt. Dabei stiess ich auf äusserst seltene Videoaufnahmen unlängst entdeckter Indianerstämme. Später erfuhr ich von den Selbsttötungen unter den Jungen der Guarani-Kaiowá im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul und vom Kampf zur Zurückgewinnung ihres Landes, den sie «retomadas» nennen. Ich begriff sofort, dass ich die Guarani- Kaiowá seit langem hatte kennen lernen wollen, obwohl ich zuvor nichts von ihrer Existenz gewusst hatte. Lebensgeschichte Seine von Entwürdigungen geprägte Lebensgeschichte im Carapó- Reservat, die Besetzung einer rund 60 Jahre zuvor auf dem Land der Indigenen erbauten Farm, die täglichen Querelen mit den Großgrundbesitzern – all dies waren Ereignisse, die in meinem Drehbuch ihre Spuren hinterliessen. Ambrósios Geschichte stand beispielhaft für viele andere. Schauspielerei aus dem Alltag Um meine Intuition auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, fragte ich Osvaldo, einen jungen Indígena aus Ambrósios Gemeinde, ob er daran interessiert wäre, als Darsteller in einem Film mitzuwirken. Er fragte mich, was es denn bedeute, Darsteller in einem Film zu sein, und ich erklärte ihm, dass Schauspieler eine Rolle spielen und er somit lernen müsste, zu schauspielern. Er dachte kurz darüber nach und meinte dann: «Aber ich spiele doch jeden Tag eine Rolle.» – «Wann denn?», fragte ich überrascht. «Jeden Tag, wenn ich bete.» Die Rituale der Guarani-Kaiowá sind «theatralische» Darstellungen, Begegnungen und Gespräche mit ihrem Gott Nhanderu. Schauspiel ist gleichsam ein Element ihrer althergebrachten Tradition. Die eigentlichen Vorbereitungsarbeiten für den Film begannen erst gegen Ende des Jahres 2006 mit der Auswahl der Darstellenden. Wir benötigten insgesamt etwa 230 Personen für die Besetzung der Haupt- und Nebenrollen sowie als Statistinnen und Statisten. Urbano Palacio, der die Sprache der Guarani fliessend spricht, bereiste die indigenen Gemeinschaften von Mato Grosso do Sul und interviewte 800 Indígenas. Dann konzentrierten wir uns auf drei große Gemeinschaften in der Umgebung von Dourados. Wir wollten uns auf Gemeinschaften in der Nähe der Stadt konzentrieren, um die Schauspieler nicht für längere Zeit aus dem Kreis ihrer Familien reissen zu müssen. Während der Dreharbeiten wurden die Indígenas jeden Morgen aufs Set gefahren und kehrten jeden Abend zu ihren Gemeinschaften zurück. Wir prüften die interviewten Personen eine nach der anderen und fällten Entscheidungen aller Art: Abgesehen davon, dass wir ihr expressives Potenzial einschätzen mussten, hatten wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die ein konventionelles Casting nicht kennt. So wollten wir vor dem Start sicher sein, auch wirklich auf das Engagement der von uns ausgewählten Indígenas zählen zu können. Urwald-Dreharbeiten Unsere grösste Befürchtung war, die Arbeit mit ihnen könnte unterbrochen werden. Von allen Seiten warnte man mich, dass ich den Film nicht zu Ende würde drehen können, dass sie mir mittendrin davonlaufen, protestieren oder streiken würden wie bei Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo oder bei Roland Joffés The Mission. Doch die Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Alle Indigenen, die wir auswählten, arbeiteten bis zum Ende der Dreharbeiten mit. In The Mission figurierten die Angehörigen des kolumbianischen Waunana-Stammes, die im Film die Guarani verkörperten, ausschliesslich im Hintergrund und als Nebenfiguren neben den Hauptcharakteren, die durch Robert de Niro und Jeremy Irons dargestellt wurden. Dieses Klischee wollte ich in meinem Film auf den Kopf stellen, indem ich die Indígenas zu den Hauptakteuren machte und die professionellen weissen Schauspieler im Hintergrund behielt. Herantasten ans Spiel Nach einer ersten Auswahl hatten wir rund hundert Indígenas beisammen, die bereit waren, im Film mitzumachen. Ich wollte sie erst arbeiten sehen und danach entscheiden, wer die Hauptrollen spielen sollte. In Luiz Mário fand ich einen Theaterregisseur, der mich bei den Vorbereitungen unterstützte. Unser Experiment war auch für ihn gänzlich neu. Klassische Schauspielübungen und -techniken kamen nicht in Frage, weil wir überzeugt waren, dass die Indígenas dadurch ihre Spontaneität und Ursprünglichkeit verlieren würden. Wir mussten von ihren kulturellen und materiellen Lebenswelten ausgehen. Und wir durften nicht vergessen, dass sie schon über ein beträchtliches «Schauspiel»-Repertoire verfügten: Diktion, Gang, Gestik, Darstellung – all dies waren Techniken, die ihren freien, ungezwungenen Ausdruck hemmen konnten. Gemeinsam mit Luiz Mário beschlossen wir, uns auf Körper- und Stimmarbeit zu konzentrieren und mit ihrer Gestik- Kultur und Intonation zu arbeiten. So riefen wir eine Reihe von «Theaterseminaren» mit den Indígenas ins Leben. Nach einigen Arbeitsmonaten sah ich mir Videoaufnahmen von ersten Improvisationen an und stellte fest, dass etwas noch immer nicht klappte: Die Indígenas sprachen stets so viel wie möglich, als wäre Schweigen verboten, als wären Worte das einzige zur Verfügung stehende Ausdrucksmittel in der jeweils improvisierten Szene. Ich machte mir Gedanken über ihre Kultur der mündlichen Überlieferung wie auch zum Fernsehen, das viele von ihnen schauten, und begriff, dass sie mehr darüber erfahren mussten, wie Kino funktioniert – das hatte ihnen bis dahin niemand gezeigt. Denkt an «Spiel mir das Lied vom Tod» In einem behelfsmässigen Projektionsraum zeigte ich ihnen zwei Filmsequenzen, die beinahe ohne Dialoge auskommen: Hitchcocks Birds und Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone. Zu einer wortlosen Sequenz von Spiel mir das Lied vom Tod erklärte ich die Bedeutung dieses Schweigens und liess sie erkennen, dass Schweigen oft mehr aussagt als tausend Worte. Angesichts der Szenen aus Leones and Hitchcocks Filmen verstanden sie sofort, was ich meinte. Während der Dreharbeiten brauchte ich künftig nur zu sagen: «Denkt an Spiel mir das Lied vom Tod», worauf Ambrósio jeweils entgegnete: «Ich weiss, was du meinst, Marco», und vor dem Sprechen lange Pausen machte und die weissen Schauspieler ansah. Es war unglaublich, wie schnell sie lernten. In nur fünf Monaten wurden sie zu Schauspielerinnen und Schauspielern. Als der brasilianische Schauspieler Matheus Nachtergaele, der im Film die Rolle Dimas’ spielt und auch Regisseur ist, den Drehbuchautor Luiz Bolognesi fragte, ob er sich vorstellen könne, mit denselben Indígenas nochmals einen Film zu drehen, antwortete Luiz ohne zu zögern: «Schauspieler spielen gewöhnlich in mehr als nur einem Film.» Marco Bechis REGISSEUR MARCO BECCHIS Marco Bechis wurde 1955 in Santiago de Chile als Sohn einer Chilenin und eines Italieners geboren. Er wuchs im argentinischen Buenos Aires auf. Als linker Aktivist und Grundschullehrer geriet er unter Videlas Militärdiktatur in Haft und in ein Folterlager. Auf Druck seiner Eltern wurde er nach zehn Tagen und zahlreichen Folterungen einem normalen Gefängnis überstellt. Drei Monate später emigrierte er nach Italien, wo er auch die italienische Staatsbürgerschaft erhielt. Seit Anfang der 1980er Jahre lebt Bechis in Mailand. Weitere Auslandsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Los Angeles und Paris. In New York arbeitete er als Fotograf und Video- Künstler und schuf 1982 in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International die Video-Installation Desaparecidos (Die Verschwundenen – Wo sind sie?), in der er sich den Gräueltaten der argentinischen Militärdiktatur und auch seinen eigenen Erlebnissen erstmals stellte. Ab 1981 studierte Bechis an der Mailänder Filmhochschule Albedo und legte 1982 mit Mi sembra d'averlo gia' visto einen ersten 40-minütigen Film auf 16 mm vor. Zwei Jahre später gewann er für den siebenminütigen auf Video produzierten Absent (1984) einen Preis auf dem norditalienischen Festival von Salsomaggiore Terme. Daraufhin folgten mit Esterno tango (1987) und Storie metropolitane (1988) weitere Arbeiten auf 16-mm- Format. Der Durchbruch als Filmemacher gelang Bechis erst 1991 mit seinem Spielfilmdebüt Alambrado. Die argentinisch-italienische Koproduktion wurde auf mehreren internationalen Filmfestivals gezeigt und war 1991 im Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno vertreten. Nach dem ersten Erfolg als Filmemacher schrieb Bechis gemeinsam mit Fremder das Drehbuch für Maurizio Zaccaros preisgekröntes italienisches Kriegsdrama Il carniere (1997) und verarbeitete mit dem Dokumentarfilm Luca's Film den Aids-Tod seines Mailänder Freundes Luca Pizzorno im Jahr 1994. Ebenfalls autobiografischen Ursprungs war der 1999 produzierte Spielfilm Junta, in der eine junge Studentin zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur von der Geheimpolizei verschleppt wird und sich plötzlich ihrem schüchternen und in sie verliebten Mitbewohner gegenüber sieht, einem „Verhör“-Spezialisten. Junta avancierte zu Bechis' bisher erfolgreichsten Film, gewann 17 internationale Film- und Festivalpreise und brachte dem Italiener unter anderem den Silbernen Condor für die beste Regie ein, Argentiniens nationalen Filmpreis. 2001 widmete sich Bechis mit Figli/Hijos erneut erfolgreich der argentinischen und eigenen Vergangenheitsbewältigung und vertraute seinem Junta-Darsteller Carlos Echevarría wieder die Hauptrolle an. In dem Drama spielt Echevarría den Sohn eines in Italien lebenden argentinischen Exilanten. Dieser kommt erst durch eine in Buenos Aires lebende, unbekannte Zwillingsschwester zu der Erkenntnis, dass er als Neugeborener von einem Piloten der argentinischen Luftwaffe adoptiert wurde, der zahlreiche Gegner des Militärregimes, darunter auch seine leibliche Mutter, über dem Meer verschwinden liess. War Bechis' Figli/Hijos 2001 noch ausserhalb des Wettbewerbs der Filmfestspiele von Venedig gezeigt worden, konkurrierte er 2008 mit BirdWatchers – La terra degli uomini rossi um den Goldenen Löwen. FILMOGRAFIE 2008 BIRDWATCHERS PRESSESTIMMEN ZUR URAUFFÜHRUNG IN VENDIG: «Er zeigt die Grundbesitzertöchter, die bei Fliegensummen am Pool dösen. Er filmt die Indios in ihren kargen Plastikzelten und den weissen Aufseher, der sie in seinem nicht minder kargen Wohnwagen bewacht. Immer wieder eröffnen die Bilder einen mystischen Raum, in dem Körper erst einmal Körper sind und dann erst jung oder alt, weiss oder braun, reich oder arm. Hier ist der Dschungel ein magisches System, in dem sich Menschen in kurzen utopischen Liebesmomenten begegnen. Und dann wieder ein Wald, an dessen Bäumen sich Indios erhängen.» «Wie vor Jahrzehnten der große Filmerzähler Robert Flaherty fasst Bechis das reelle Drama in dramatische, aber dennoch stille Bilder. Die Sicherheit der Bildkomposition ist dabei immer auch eine Garantie für Diskretion. Von der ersten Szene an nimmt dieser Film gefangen: Da erspähen wir mit den Vogel-Schauern die vermeintlich unentdeckten, halbnackten Ureinwohner. In der zweiten Szene holen sie sich den spärlichen Lohn der Inszenierung. Für einen spärlichen Wettbewerb ist dieser hypnotische Film tatsächlich Lohn genug.» «Das Ergebnis ist von beeindruckender Intensität, bei der die Sprache, die Gesten und die Natürlichkeit der Guarani ihre eigene Poesie entfalten. Bechis erzählt das Drama eines verlorenen Volkes, dessen Vorstellungen von Heimat und Gemeinschaft nicht in Reservaten einzugrenzen sind, mit einer so selbstverständlichen Meisterschaft, dass man zumindest einen Film lang die Perspektive der Birdwatchers zu verlassen glaubt.» «Bechis liegt nicht daran, die Dichotomie von edler Ursprünglichkeit und Unheil bringender Zivilisation intakt zu lassen; er idealisiert die Indianer so wenig, wie er den Großgrundbesitzer dämonisiert. Die Sphären vermischen sich, Feindseligkeit und Neugier gehen Hand in Hand. ... BIRDWATCHERS ist ein toller Film: keine billigen dramaturgischen Tricks, keine simple Opfer-Täter-Logik, indigene Laiendarsteller, die neben den professionellen Schauspielern ohne Not bestehen. Der Film verzichtet außerdem darauf, eine Hauptfigur hervorzuheben; er hat das seltene Talent, von einem Kollektiv zu erzählen.» A serious contender for the Golden Lion has emerged. Even before Birdwatchers screened to the press, the Lido was saturated by rumours that the film was something special. This technically impressive tale didn’t disappoint An evocative, surprising, vivid and well constructed scenario allows the actors, recruited from real Indians, to give substance to a tale that avoids all the traps of its subject’s potential worthiness ![]() Internet: www.pandorafilm.de |
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Für Sie entdeckt und zusammengestellt durch ©EPS-Schäffler / SchäfflerTextzusammenstellung: © Ermasch
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